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Ich sitze jetzt im EDV Kurs und verbinde das Nützliche mit der Möglichkeit, ein paar Zeilen zu den letzten 15 Wochen zu notieren und meinen Lieben, die mich begleitet haben einen kleinen Einblick in meinen Alltag und meine Gedanken zu geben. Nach der harten Entgiftung der Benzodiazepine, den langjährigen Konsum und den Ausuferungen durch Kokain habe ich mich damals entschlossen einen Neuanfang zu wagen. Ich fühlte intuitiv, dass ich nur noch diese einzige Möglichkeit hatte, meinem Leben eine Wendung zu geben. Mein Lebensspielraum war damals auf die Größe einer Rosine geschrumpft. Einsam und verlassen hatte ich alle meine Träume begraben, fand für mich keine Hoffnung. Fast resigniert, mit sehr viel Angst, ja regelrechet LEBENSangst schrie das kleine Mädchen in mir nach Hilfe, denn eine Sache war klar … „So konnte ich und wollte ich nicht mehr leben“ !! In einer Einbahnstraße fest gefahren, Ehe und Bindungen hinter mir abgebrochen, KEINE Kinder, sehr gute berufliche Abschlüsse und Studium und dennoch völlig lebensuntüchtig stand ich in einer inneren Stadt mit ganz vielen Häusern, die Ruinen glichen. Fragen über Fragen stellten sich mir. Habe ich überhaupt noch die Möglichkeit glücklich zu werden? Hat das Leben auch für mich noch ein Happy End? Kann ich nochmal die Kraft aufbringen, um diesem Elend die Stirn zu bieten? Nach diesen Wochen, ja sogar Monaten kann ich sagen, ja ! Ich bin mir über viele Dinge klar, das war ich ja immer schon. Die Kognition ist bei mir sehr ausgeprägt, so dass ich nie Probleme hatte die Dinge zu benennen, analytische Schlussfolgerungen zu ziehen und Zusammenhänge flink zu erfassen. Ist dies vielleicht genau mein Problem? Ich habe für mich erkannt, dass ich mir ein immenses Kontrollsystem aufgebaut habe um mich zu schützen. In diesem System kann ich natürlich anderen Menschen sehr gut helfen, bin aber im Gegenzug sehr weit von meiner Bedürftigkeit weg. Dieser Automatismus ist mir so zu eigen geworden, daß ich mein langsames INNERES Sterben gar nicht mehr bemerkt habe. Hier lerne ich das zu erkennen und bin gleichzeitig sehr erschrocken, in welcher Perfektion ich mir dies angeeignet habe. Mit Hilfe meiner Gruppe, insbesondere der Bezugstherapeutin und dem Kollegium übe ich wieder bei mir zu bleiben. Ich versuche NICHT mehr die Konflikte anderer Menschen zu lösen, sondern versuche mich in Zurückhaltung zu üben. Ich fühle mich NICHT mehr für alles um mich herum verantwortlich und versuche dem Zwang, alles zu organisieren, zu schlichten, Menschen bei Laune zu halten, Harmonie zu verbreiten etc., Einhalt zu gebieten. Das ist richtig schwer für mich und raubt mir den Schlaf. Dieses Problem war wohl auch schon als Kind das meinige. Ich fühlte mich IMMER in der Vermittlungs- und Schlichterrolle, eine Rolle die ich nicht haben möchte weil ich sowohl damals als auch jetzt nicht in der Lage bin, diese zu tragen. Also sollen doch alle um mich herum ihre eigenen Erfahrungen machen, alleine in Konflikte hinein gehen und diese zu einer Lösung bringen… oder auch nicht ! Letztendlich bin ich unter die Räder gekommen, muss jetzt sehr mühsam wieder von vorne anfangen. Ich entziehe mich dieser Macht, die mein Leben und mein Verhalten so nachhaltig kontrolliert hat und bin vergnügt und entlastet. Ich steige bewusst aus dieser Kontrolle aus, denn ich habe eine Wahl. Ich kann mich von Verhaltensweisen, die mir nicht gut tun distanzieren, ich darf mich schützen und ohne Angst und Druck leben. Gewichtige Sätze, die nur annähernd wieder geben, welche inneren Kämpfe ich hier ganz offen mit mir austrage. Denn mein Ziel. Glücklich und zufrieden zu werden, ohne Schlafmittel zu schlafen und ein Stück vom LEBENSkuchen abzubekommen sichert mein ÜBERleben. Jetzt habe ich noch 8 Wochen vor mir und ich werde diese versuchen so gut wie möglich zu nutzen, denn der Alltag wird kommen. Ich werde hier ja fit gemacht, mein Wunsch zu arbeiten ist groß! Ich bin zuversichtlicher auch wenn ich weiß, daß der Alltag sehr diszipliniert ablaufen muss. Ich glaube wieder mehr an mich, ja ich merke die eingeschlafenen Fähigkeiten sind eben nur eingeschlafen. Also kein Spaziergang hier. Wie auch, wenn man von Null auf Hundert hoch katapultiert wird. Absolute Lethargie vs. Highspeed Programm. Die Woche ist immer vollgestopft mit Einheiten. Einzel- und Gruppentherapie, 6 Stunden Sport minimum, Arbeitstherapie in der Wäscherei, Skillgruppe, soziale Kompetenz, medizinische REHA., Rückfallprophylaxe, Ergotherapie, Selbstverteidigung …. Dies ist eine kleine Auflistung!! Ich könnte noch mehr aufzählen. SO!!! Ich denke, dass dies reicht, um einen kleinen Einblick in mein derzeitiges Leben zu geben und erweckt auch ein wenig Verständnis, weshalb ich mich im Moment in einer Findungsphase befinde, mich nicht immer melde. Ich gedenke nämlich nicht mehr in der Vergangenheit zu leben, sondern aktiv an meiner Zukunft und vorrangig natürlich der Realität zu arbeiten. Ich wünsche eine gute Zeit und vergesst nicht das Leben zu leben. Denn es ist schön, vor allem wenn man körperlich einigermaßen gesund ist. Uns geht es eigentlich verdammt gut und wenn ich eins sicher in meinem Herzen trage, daß JEDER, auch nach mehreren Versuchen die Möglichkeit hat, SEIN Leben in die Hand zu nehmen. Viel Wärme fürs das Herz und gute Gedanken. JUST DO IT !!!! September 2020